Indischer Ozean
10. Dez. 2003

Die Roaring Forties sind vielen vom Namen her bekannt, was sich jemand damit vorstellt,
bleibt der Fantasie des Betreffenden vorbehalten.
Ausser den Racers im " Vendee Globe" und/oder "Alone Around", sind es nur wenige, die als Route die südlichen Ozeane im Bereich des 40. Breitengrades zwischen den Kontinenten und der Antarktis wählen.

Der Bereich in den Vierzigern bietet sich an, weil eine ostwärtssegelnde Jacht die zwischen
den Tiefs entlang der Antarktis im Süden, und den nördlichen Hochs, die sich in diesem Falle unter Afrika durchzwängen, hier mehrheitlich auf achterliche Winde treffen wird.
Dafür gibt es allerdings keine Gewähr. Regelmässig kommen anstelle der Hochs im Norden auch Tiefs, was womöglich zu Starkwind oder Sturm "gegenan" führt.

Seit wir am Samstag in Kapstadt abgelegt hatten, haben wir in etwa alle möglichen Wind- und Wetterbedingungen erlebt, aber wann immer es möglich war, beharrlich Kurs Südost gehalten.
Zurzeit bewegen wir uns auf 39° 40`Süd, und sind kurz davor, unsere gewünschte Position im Bereich des 43. südlichen Breitengrades zu erreichen, um dann in Richtung Osten zu halten.
Hochs und Tiefs, die zügig ostwärts drängen, greifen in diesen Breiten in sich,
was Ausdruck in schnell wechselnden Wettersituationen findet.

Nachdem wir uns letzte Nacht in einem Ausläufer eines Hochs mit rundumdrehenden schwachen Winden plagten, liegt zurzeit Wind aus Nord-Ost mit 35 bis 45 Knoten in Sturmstärke an, was uns "Hack" mit Speed von acht bis neun Knoten bringt.

Das neu verstagte Rigg lässt keine Zweifel mehr aufkommen.
Die neuen Backstagen, die kaum noch Bewegung im Mast zulassen sind mit Beweis für die gelungene Verbesserung.
Auch wenn wir uns in Kapstadt heimisch fühlten, alte Freunde trafen, und viele neue Bekanntschaften gemacht hatten, wurde es höchste Zeit, die Leinen zu lösen, um die BLUE PEARL und uns, deren Crew, an neue Ufer zu führen.

   
Indischer Ozean 
13. Dez. 2003

Die erste Woche liegt hinter uns. Ebenso schreiben wir heute die Tausendste Meile im Logbuch.
Nachdem wir uns ohne "einfahren" auf diese harte Piste begeben hatten, haben wir uns
nun auf diesen Effort eingestimmt.

Mehr und mehr werden uns die extremen Wetterbedingungen vertraut, und wir versuchen vorwegzunehmen, was uns die nächsten Stunden bringen werden.
So hatte sich die Strategie für die letzte Nacht als richtig erwiesen.
Mit dem Trimm der BLUE PEARL hatten wir den in der Nacht folgende Windwechsel berücksichtigt, womit der Freiwache eine ungestörte Nachtruhe beschieden war.

Das Gefühl das nach einem gelungenen Zug aufkommt, vergleicht sich mit dem nach einem Befreiungszug beim Schachspiel. Etwa so hart trifft es einem, wenn der Gegenspieler in unserem Fall das Wetter noch etwas draufsetzt, und uns alt aussehen lässt.... womit dann
als nächstes ausschliesslich für die Schadensbegrenzung gesorgt werden muss.

Unsere derzeitige Position 40°09` Süd 31°40`Ost
Ca. 8.5 Knoten Fahrt in Richtung Ost bei 30 bis 40 Knoten halber Wind aus Nord
Bedeckter Himmel, mit Anzeichen für eine aufziehende Front. ... die nächste Front...

   
In den Weiten des
süd-indischen Ozean

20. Dez. 2003

In unserem Logbuch Schreiben wir 41° Süd 53° West
Sonne... 25 Knoten Wind aus Nord-Nord-West 7 Knoten Fahrt in Richtung Ost-Süd-Ost
Deviation (Abweichung vom Kompasskurs zum Kartenkurs 45°)

Die See zeigt sich von der besten Seite.
Endlos bewegen sich die tiefblauen weissgekämmten Wellen in der Sonne gleissend auf uns zu. Albatrosse, Sturmvögel und Seeschwalben begleiten uns. Sonntagsegeln schon am Samstag... damit wird es aufgrund der Wetterkarten schon bald vorbei sein.

In einer Woche erreichen wir die Kerguelen. Es bleibt uns ein angenehmer Rückblich auf die zurückliegenden ersten zwei Wochen, unterwegs von Kapstadt nach Tasmanien.
Wir segelten in etwa auf der Achse des vierzigsten südlichen Breitengrades ostwärts.
Dass wir noch nicht weiter südlich sind erklärt sich damit, das wir versuchten, uns im äusseren Bereich der südlichen Tiefs aufzuhalten.

Mit dem Risiko, dass wir auch in den schwachwindigen Kernbereich der nördlich von uns ziehenden Hochs geraten können, die am Fuss von Südafrika unter dem "Kap der Guten Hoffnung" die Tiefs weit in den Süden drängen.
Bis heute haben wir solche Situationen benutzt, um unter Motor die Batterien zu Laden, Trinkwasser zu produzieren, und Wartungsarbeiten am Motor (Wasser im Diesel, verstopfte Dieselleitung) vorzunehmen..

Nun folgt uns ein starkes Hoch, das uns veranlasst, den Kurs auf südlichere Breiten anzulegen, "direkt Kurs auf die Kerguelen", die auf 49° Süd liegen.
Da wir unser Ziel voraussichtlich am Samstag dem 27. Dezember erreichen, werden die sich dort Aufhaltenden, ohne uns Weihnachten feiern müssen.(Im Sommer sind es etwa 200 Personen vorwiegend Forscher und Ornitologen, die sich mit dem Beobachten der vielfältigen arktischen Tierwelt der unter Naturschutz stehenden Insel beschäftigen.)

   
Weihnachten
24. Dez. 2003

45°50 S
63°10 E

Noch drei Tage trennen uns vom Ziel, den Kerguelen.
Deren Inselgruppe nebst der grossen Landmasse aus etwa 300 kleinen Inseln und grossen Felsen besteht. Deren Gesamtfläche ist 7215 Km2
Die Länge von Norden nach Süden misst 195 Km und von West nach Ost 145 Km

Wie gewohnt sucht sich der Rumpf der BLUE PEARL in "meist" ausgewogener Harmonie den Kurs durch die schroffe weissgekrönte Wasserwelt.
Die Eindrücke dieser endlosen Weiten verändern sich hier oft augenblicklich.
Zurzeit erleben wir wolkenlosen Himmel, in leicht dunstigem blau, der sich am Horizont zu leichter Bewölkung verdichtet.
Die See reflektiert in freundlichem blau. Unzählige weisse Wellenkämme prägen das Bild. ..... Noch vor Minuten erlebten wir eine geschlossene Wolkendecke mit leichtem Regen.
Die See präsentierte sich in stählernem Grau in dem sich die brechenden weissen Kronen bedrohend auf den Wellenkämmen aufbäumten.
Die Gefühle bleiben von diesen Eindrücken nicht ganz unberührt. So sind unsere wirklichen Hochs von gutem Wetter abhängig.

Bei zunehmend dreistem Wetter nimmt auch die Spannung zu, und erst wenn die Segelfläche mit dem letzte Reff verkleinert ist, und die Sturmböen uns und die BLUE PEARL beuteln, beginnen wir unsere Gedanken abzuwenden, um die folgenden Stunden in einer gewissen Trägheit, die nicht alle Details in uns eindringen lässt, zu verbringen.
Die Tiefs im südlichen indischen Ocean sind in dieser Jahreszeit mit Werten von ca. 980 Hectopascal jedoch nicht besonders kräftig.

Im Vergleich zu dem Tief über den Falklands, dessen Zentrum mit 954 Hectropascal wir Anfang Jahr in einem Nordweststurm enterten, erleben wir die derzeitigen Tiefstwerte und deren Fronten als unangenehm, jedoch tragbar, da die meisten nur wenige Stunden anhalten.
Einzig die Albatrosse lassen sich von diesem Geschehen nicht beeinflussen.
Wie Hightechsegler gleiten sie mit ihren riesigen Flügelspannweiten bei Tag und Nacht,
Sturm und Sonnenschein über die Wellenkämme.

Die kleineren etwas schwerer wirkenden schwarzen Sturmvögel stehen ihnen um nichts nach.
Seit kurzem haben sich weissgraue Seeschwalben zu ihnen gesellt, die in ihrer flinken Eleganz stark an unsere Hausschwalben erinnern.
So erleben wir Weihnachten im ewigen Rhythmus des südlichen indischen Ocean.
Einzig eine Lavendelkerze die auf dem krängenden Tisch leicht flackernd ein unsicheres Dasein führt, lässt spüren, dass nicht alle Tage Weihnacht ist.

   
Kerguelen "Disaster"
26. Dez. 2003
Wir hatten das Nordwestkap der Kerguelen angepeilt, um nicht letztendlich von ungünstigen Winden an unserem Ziel vorbeigetrieben zu werden...
Um 18 Uhr sichteten wir mit der "Il. du Rendez-Vous", einem 84 Meter hohen Felsen die erste Landmasse der Kerguelen.

Auf dem Radar ist in 6 bis 8 Meilen Entfernung weitere Landmasse auszumachen.
Im dichten Dunst und leichtem Nieselregen ist jedoch am düsteren Horizont nichts zu sehen.
Mit Kurs Ost und später Südost segelten wir mit 30 Knoten Wind und 7 Knoten Fahrt,
durch die Nacht in Richtung Cap Cotter.

Wie oft in Landnähe, und kurz vor dem Landfall verzichtet die Freiwache auf Schlaf und Koje,
da Segelmanöver auszuführen waren, und der Schlaf mit dem Erreichen des Ziels zur Genüge nachgeholt werden kann.

Ein Blick auf die Seiten des Logbuches bestätigen, dass die letzten drei Tage geschlossene Bewölkung, Dunst und Regenfronten vorherrschten.
Das Problem mit dem verunreinigten Diesel liess sich in diesen Tagen in einem nicht
erwarteten Ausmass erkennen.

Den Haupttank hatte ich nach dem Erreichen von Kapstadt leergepumpt, und Wasser und Schlamm entsorgt. Darauf füllte ich diesen mit einwandfreiem Treibstoff aus zwei Ersatztanks, und war mir sicher, damit das Problem das uns bereits seit Brasilien "Salvador" zu schaffen machte, gelöst zu haben.
Ein weiterer leerer Tank mit 250 Liter Fassungsvermögen füllten wir in Kapstadt unmittelbar vor dem Auslaufen in Richtung Kerguelen.

Aktuell hat sich im Haupttank neue Alge gebildet, und der einst klare hellrote Diesel, hat sich zu einem trüben unansehnlichen Gemisch verändert.
Als dessen Folge muss der Vorfilter mit Wasserabscheider stündlich gereinigt werden, damit sich der Filter nicht ganz durch diesen Schlamm verschliesst.

Aus dem zweiten Tank, dessen Diesel wir in Kapstadt gebunkert hatten, wird ausschliesslich Wasser angesogen, das sich auf dem Grund des Tankes in grosser Menge gesammelt haben muss, womit dieser Treibstoffvorrat ganz ausfällt.
Nachdem schon die Hauptleitung verstopft war, ist nun auch die Zuleitung zur Heizung nicht mehr frei, womit wir im ungeheizten innern mit Temperaturen von zum Teil unter zehn Grad vorlieb nehmen müssen.

Da die Luft nicht mehr getrocknet werden kann, und wir ständig neue Feuchtigkeit in das innere des Schiffes tragen, hat sich dieses zwischenzeitlich zur Tropfsteinhöhle gemausert, wo die Luken tropfen, und sich auf dem Boden im Bereich der unisolierten Bilge, Lachen bilden.
In wenigen Tagen haben sich die Gegebenheiten von sommerlichen Temperaturen in arktische Verhältnisse gewandelt.

Wasser und Lufttemperaturen werden zu dieser Jahreszeit mit + 6° angegeben.
Nach unserer Ankunft wollten wir diesem Missstand mit einer Dieselzufuhr aus Kanistern direkt zur Heizung "mit reinem Brennstoff" entgegenwirken.
   
27. Dez. 2003 An Samstag morgen erreichten wir die Ostküste, wo wir uns mit guten Bedingungen in schneller Fahrt dem Ziel näherten.
Um vier Uhr kreuzten wir Pointe Suzanne, und waren unmittelbar vor der Einfahrt in
die "Baie du Morbihan".
Da wir 3 Knoten Strom in Richtung NO ausmachten, und 30 Knoten Wind aus West unsere Fahrt inzwischen unter Motor bis auf 1,5 Knoten reduzierte, waren wir gezwungen,
von unserem Vorhaben, die 15 Seemeilen tiefe Bucht zu entern abzulassen.

In der Folge liefen wir das Wetter das sich schnell zum Sturm entwickelt hatte in NNO Richtung, in der Gegenrichtung, in der wir gekommen waren, ab.
An der flachen Ostküste war kein Stelle die uns Schutz bieten konnte, auszumachen.

An Land hatte sich inzwischen ein Sandsturm entwickelt, der sich auf Distanz wie
gelber Dunst ausmachte, und dessen Fracht uns selbst auf der BLUE PEARL erreichte.
Wir durchquerten auf acht bis zehn Meter Wassertiefe unbehindert riesige Kelp- Felder,
die alle wie auch wir in Windrichtung trieben, und die den Schwell spürbar eindämmten.

Um halb acht Uhr nahm der Wind kurzfristig ab, und wir versuchten "ohne Erfolg" unter Motor die Landabdeckung zu erreichen.
In der Nacht segelten wir weiter mit 35 bis 40 Knoten Wind in Richtung Norden.
   
28. Dez. 2003 Am Sonntag war ein Zwischenhoch angesagt, ein Keil der sich zwischen zwei Tiefs drängte, und kurzfristig für Entspannung sorgte.
Eine Möglichkeit unser Ziel, das nun bereits 120 sm hinter uns im Süden liegt, vor dem nächsten Tief zu erreichen?
Falls nicht, würden wir uns dem folgenden Tief, das wie auf dem Wetterfaxbild zu sehen war, mit einem Tiefstwert von 956 Hectopascal auf die Kerguelen zuhielt ungeschützt stellen müssen.
Einem Bericht über die Kerguelen konnten wir entnehmen, dass jeden Monat im Jahr Stürme mit Windgeschwindigkeiten von über 100kmh auftreten können.
Entgegen unserer Meldung im letzten Bericht, wo ich die Tiefs als eher zahnlos beschrieb, bringen die uns folgenden Wetterverhältnisse diese Möglichkeit mit sich, was uns bewog, unseren Kurs beizubehalten, und die etwa 500 sm vor uns im Norden liegende Insel St. Paul anzulaufen.
Wir hatten den Umweg von über 800 sm zu den Kerguelen auf uns genommen, und wurden an deren Pforte abgewiesen...
   
   
29. Dez. 2003 Die Wetterbilder am Montag zeigten, dass sich das Hoch stabilisiert, und das folgende Tief sich entgegen der langfristigen Prognosen in seinem Kern geteilt und aufgefüllt hatte.
Eine Rückkehr am Sonntag, und die sichere Ankunft am Montag wären möglich gewesen.
Dennoch freuen uns, dass wir uns den Breiten nähern, wo die Hochs ihren spürbaren Einfluss zur Geltung bringen, die Luken geöffnet, und die BLUE PEARL getrocknet werden kann........
   
Möchten Sie informiert werden, wenn aktuelle News auf dieser Website vorhanden sind?
Would you like to be kept informed about the latest news on this website? hier / here